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Erlaubt ist, was gefällt Der Duden lässt ahnen, wohin die Rechtschreibreform führt. Von Thomas Steinfeld Das Spiel ist offen. Die Ministerpräsidenten mögen glauben, sie hätten den langen Streit um die Rechtschreibung beendet, indem sie in der vergangenen Woche entschieden, die Neuregelung, wie ursprünglich geplant, zum 1. August 2005 in Kraft treten zu lassen. Sie mögen hoffen, mit der Einrichtung eines Rats für deutsche Rechtschreibung alle zukünftigen Auseinandersetzungen in bürokratische Bahnen gelenkt zu haben – auch wenn die Farce dadurch offensichtlich wird, dass der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der prominentesten Gegnerin der Reform, nur zwei von vierunddreißig Sitzen zugewiesen werden. Nur – entschieden ist mit dieser Entscheidung nichts, nichts jedenfalls, was für die deutsche Rechtschreibung selbst von Belang wäre. Warum das so ist, verrät die vor zwei Monaten erschienene dreiundzwanzigste Ausgabe des Duden-Wörterbuchs. Denn viele Zweifelsfälle der deutschen Schreibung werden von diesem Duden nicht mehr geregelt, jedenfalls nicht, wenn sie in den Bereich der Rechtschreibreform fallen. Sie werden vielmehr freigegeben, in das Belieben des Schreibers gestellt, und zwar so sehr, dass bei den sich rasend vervielfältigenden Varianten der deutschen Orthographie in der Regel nicht einmal angegeben wird, welcher Variante der Vorzug zu geben sei – in der vorigen Ausgabe waren die nach der Reform vorzuziehenden Varianten immerhin noch rot ausgezeichnet. In wesentlichen Teilen ist die deutsche Rechtschreibung freigegeben, und das zu einem Zeitpunkt, an dem innerhalb der Sprachgemeinschaft große Einigkeit über die Orthographie herrschte – zum ersten Mal übrigens in der deutschen Sprachgeschichte. Der neue Duden ist kein amtliches Dokument. Und doch enthält er, nachdem die Kultusministerkonferenz im April den vierten Bericht der Rechtschreibkommission überraschend nicht angenommen hatte, alle wichtigen Änderungen, die in nächster Zeit auf uns zukommen werden – erkennbar schon daran, dass die Redaktion des Duden die jüngste Fassung der orthographischen Regeln, die am Ende des Bandes abgedruckt ist, nur von offizieller Seite hat erhalten können. Tatsächlich sind die Regelungen, der Versicherung, sie seien unverändert zum Trotz, an vielen Stellen neu gefasst worden – so sehr, dass sie vor allem im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung auf eine Wiederherstellung des alten Zustands hinauslaufen. Doch dabei handelt es sich um eine billige, eilig zusammengebastelte Reparatur, mit zahlreichen Mängeln und Widersprüchen: Offiziell heißt es jetzt wieder weitgehend, während das reformierte weit gehend zu den Varianten zählt. Schwerbehindert und sogenannt sind nun fachsprachlich wieder korrekt, wogegen das reformierte so genannt (das es auch vor der Reform gab) gänzlich abgeschafft wurde. Es darf wieder großgedruckt geschrieben werden, der entsprechende Eintrag großgeschrieben fehlt allerdings im neuen Duden. Vollgefressen soll es wieder heißen, wenn einer dickleibig sei, voll gefressen hingegen in allen anderen Fällen. Und die Fliegenden Fische sollen nun, weil ebenfalls fachsprachlich, in großen Lettern daherkommen, obwohl es diese Spezies biologisch gar nicht gibt. Was werden die Lehrer tun, in solch heilloser Verwirrung? Die wenigsten von ihnen werden in der Lage sein, jedes fünfte Wort einer beliebigen Klassenarbeit im Duden nachzuschlagen – doch genau darauf liefe die neueste Reform hinaus. Wenn nicht etwas anderes, viel Wahrscheinlicheres geschähe: dass sich Lehrer, Eltern und Schüler daran gewöhnen, dass jeder schreibt, so wie es ihm einfällt. Ob das aber im Sinn einer Vereinheitlichung lag? Süddeutsche Zeitung, 15. 10. 2004 "Leid tun" und "leidtun" Ab 1. 8. 2005 verbindlich Die Wissenschaftler schlagen darin einige marginale Änderungen der neuen Schreibweisen und mehr Wahlfreiheit bei der Getrennt- und Zusammenschreibung vor. Dies berichtete die Präsidentin der Kulturministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD). Die Reformgegner hatten das Treffen der Kultusminister zum Anlass genommen, ihre seit Jahren vorgetragene Kritik zu erneuern und zum Teil eine Rücknahme der Reform gefordert. Dies lehnten die Kultusminister jedoch einmütig ab. Die von ihnen vor fünf Jahren eingesetzte zwischenstaatliche Kommission soll künftig durch einen neuen "Rat für die deutsche Rechtschreibung" ersetzt werden. Die Kultusminister hoffen, in diesem Rat auch Kritiker der Reform einbeziehen zu können. Der Rat soll die Entwicklung der Rechtschreibung weiter beobachten und gegebenenfalls Verbesserungsvorschläge machen. Mit dem verbindlichen In-Kraft-Treten der Reform zum 1. August 2005 an Schulen und Universitäten müssen die Lehrer künftig falsche Schreibweisen als Fehler werten, und nicht mehr wie bisher als "überholt" kennzeichnen. Wie der einzelne Bürger jedoch schreibt, bleibt ihm weiter persönlich unbenommen. Nach der nun beschlossenen größeren Wahlfreiheit bei der Getrennt- und Zusammenschreibung kann beispielsweise neben "Leid tun" auch die Variante "leidtun" möglich sein. Im Fall von "allein stehend" oder "Rat suchend " sollen frühere Zusammenschreibungen wieder zulässig werden - es darf also auch "alleinstehend" und "ratsuchend" geschrieben werden. Donnerstag, 3. Juni 2004 Quelle: http://www.n-tv.de/5250876.html |
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